Musik

Digipack_heller

Okay

℗ 2018 Problembär Records [PB074]
release date: 02.2. 2018 (LP, CD, digital)
distribution: Rough Trade
Problembär Records is a division of Seayou Entertainment

2008 waren Neuschnee das erste Signing auf Problembär Records. Zehn Jahre später erscheint jetzt mit OKAY ihr facettenreichstes und zuversichtlistes Werk bisher. War die Reise des „Schneckenkönigs“ auf Album Nr. 3 ein düsteres, philosophisches Popmärchen, so ist das neue Album sehr präsent und affirmativ. Man könnte auch sagen: Der talentierte Mr. Wagner ist gelandet.

OKAY durchmisst in nur 7 Liedern und ziemlich genau 30 Minuten einen samtig-druckvollen Musikkosmos in dem Weltschmerz auf sexy Grooves trifft und sich verspielter Opulenz und lupenreine Finesse nicht im Weg stehen. Eklektizismus, Wahnsinn & Katharsis – und dazwischen immer wieder mal eine Portion Kapitalismuskritik.

Mastermind Hans Wagner hat in den vergangen 10 Jahren in den verschiedensten Konstellationen den Klang dieser Stadt maßgeblich beeinflusst. Sei es als Gründungsmitglied vom Trojanischen Pferd oder im Partymodus als „Hans im Glück“ oder wegen seiner Streicher-Arrangements für Velojet,  sowie als Theatermusiker auf den großen und kleinen Bühnen dieser Stadt. In OKAYgreift er alle bisherigen musikalischen Phasen von Neuschnee auf und setzt jeweils noch eins drauf – von den schuberthaften Anfängen der Band bis zu den beatlastigen Einsprengseln. Alles klingt diesmal noch mehr nach… Neuschnee. Organischer, frischer aber auch entspannter.

Der Opener „Der Zeitgeist macht Buh“ ist für Neuschnee-Verhältnisse ungewöhnlich reduziert, begrüßt einen mit Roboterstimme: „Was ist nur Gefühl und was ist real“ und “Wer ist die Made und wem gehört der Speck? Die Maschinen die wir selben bauen, nehmen uns die Arbeit weg.“ Das ist mehr als ein Lied, es ist ein kleines Manifest und es endet mit dem Mantra: „Es ist nie zu spät für ein bisschen mehr Solidarität“. Dort knüpft dann gleich „It’s okay to feel lost“ an und verpasst uns einen – großteils englischsprachigen – Schulterklopfer. In „Stadtrandkind“ geht es um Wagners Kindheit in Berlin (genauer: Marienfelde). Man sieht Hänschen Klein an der Bushaltestelle kiffen und im Bandraum des Jugendzentrums „zeigen was man noch nicht kann“ – dabei wird automatisch in die eigene Kindheit zurückversetzt. „Dasselbe Lied“ erinnert uns daran, dass 90% aller Musik von Liebe oder dem Verlust derselben handeln, während dieses Lied zu den übrigen 10% gehört, die denselben Sachverhalt auf der Metaebene verhandeln 😉

„Umami“ erschien bereits als Vorab-Single. Neuschnees erster englischer Streich – gemeinsam mit Pippa und der gelungenen Beweisführung dass Essen und körperliche Liebe viel gemeinsam haben können. „Denkmal aus Glas“ schließt den Kreis zu den Anfängen der Band: Gitarre, Gesang und Streichquartett. Ein ebenso verspieltes wie durchdachtes Lied. Eine Zwölftonreihe ist in die Musik wie auch den Text eingewoben: „Zwölf Töne spielen…“ Im  Refrain heißt es dann: „Erinnerung klebt und Geld fließt schnell. Das Leben ist kein Musical.“ Tatsache. Vielleicht das schönste Lied des Albums – wäre da nicht „Lass uns leben“, der krönende Abschluss des Albums, das uns mit dem wohligen Gefühl entlässt „Vertraue meiner Unzulänglichkeit, während der Dichter schöne Worte… ver-spricht!“. Ein zeitloses Stück Musik.

Schneckenkönig - Neuschnee

Schneckenkönig

℗ 2016 Problembär Records [PB045]
release date: 08.4. 2016 (LP, CD, digital)
distribution: Rough Trade
Problembär Records is a division of Seayou Entertainment

Das Album „Schneckenkönig“ der Wiener Band Neuschnee ist ein wundersames Popmärchen und eine Metapher für den Um- und Aufbruch im Leben eines Menschen. Es beschreibt die Reise eines rastlosen Königs durch sein aus dem Gleichgewicht geratenes Reich. Sie beginnt im irdischen „Hotel zum Paradies“ in einem der kleinen Zimmer mit großer Aussicht und endet in den großen Weiten des Universums. Auf der Suche nach der Antwort auf die Frage, ob „nicht Sinn sondern Bewegung über allem thront“, trifft er unterwegs auf andere rastlose Gestalten, deren Geschichen ihm neue Hoffnung geben.

Dort, wo diese Geschichten auf die Musik von Neuschnee treffen, verschmelzen auf „Schneckenkönig“ Text und Musik, Inhalt und Form zu einer Synthese, die einen Schritt über die traditionell eng geschnürten Grenzen des Popsong-Formats hinausgeht. Dieses lässt die Band immer stärker hinter sich und so entwickeln sich die Stücke des dritten Albums ganz organisch hin zu Kompositionen, ohne dabei auf eingängige Melodien und musikalische Zugänglichkeit zu verzichten. Das Album ist schon beim ersten Hören greifbar, erlaubt aber auch nach mehrmaligem Hören noch überraschende, neue Details zu entdecken.
Vielschichtig, detailreich, und doch schwebend und leicht zugleich – wie frisch gefallener Schnee.
Stilistisch werden die Lieder in verschiedenste musikalische Gewänder gekleidet: Es trifft Elektro auf Kammermusik (Schneckenkönig, Blatt im Wind), auf Rock (Des Kaisers neue Kleider, das große Vielleicht), auf Ballade (Nimm mich mit, wenn du gehst, Seemann ohne Schiff), auf Klassik (La Folia, Planeten). Zusammengehalten und bestimmt wird die Musik dabei durch den Gesang, die Texte und den charakteristischen Klang der Streicher.

Auf seinem Weg erkennt der König schon bald, dass Glück kein äußeres Ziel, sondern ein innerer Zustand ist – und damit vor allem eine Frage der Einstellung. Wenn er also am Ende seiner langen Reise im Weltall ankommt und das letzte Stück des Albums mit Chor, Bläsern und orchestralen Streichern episch ausklingt, wird klar: Schmerz und Freude sind auf einer tieferen Ebene miteinander verwoben und diese Erkenntnis beunruhigt nicht nur, nein, sie macht auch Sinn – und sie tröstet, ungemein.
Das Album markiert eine sehr prägende Zeit im Leben des Sängers.
Als Erinnerung daran (und als tatsächlicher Hinweis für Ärzte, dass die inneren Organe spiegelverkehrt liegen) hat er sich die medizinische Bedeutung des Wortes Schneckenkönig „Situs Inversus“ in seine Haut stechen lassen.

And when you leave the orbit
Please don’t hide your face
Cause after all, after all
Tears don’t fall in space

Bipolar

℗ 2011 Problembär Records [PB019]

Ein Album, das Grenzen auslotet und Befindlichkeiten neu dekliniert, weil es Worte in die Hand nimmt, die so noch nicht gesagt worden sind. Introversion trifft auf Extroversion, dünne Haut auf dicke Lippe. Ein Album, das sich traut an Messers Schneide zu spazieren und mit einer hierzulande nie dagewesenen Leichtigkeit musikalische Grenzen sprengt. Klassik, Indie, elektronische Musik und auch Hiphop (Zu Gast: Parkwächter Harlekin) werden nahtlos aneinander gereiht.

Das Album ist – wie schon Titel und Artwork zu erkennen geben – in zwei Hälften gegliedert. Es beginnt mit Neuschnee, wie man sie vom ersten Album kennt: aufgewühlte Streicherballaden, bei denen jedes Gramm Schmalz mit einem scharfen Wort austariert wird. Wie beim hitverdächtigen Opener „Kettenkarussell“ arbeitet Wagner dabei sehr oft mit widersprüchlichen Bildern: „flieg – soweit dich die Kette trägt“. „Du bist schön“ hingegen ist ein lupenreiner Lovesong, der keine Zwischentöne kennt. Ab „Sag mir nicht (feat. Parkwächter Harlekin)“ – der Vorab-Single (Video auf Youtube) – wandelt sich das Sound-Bild. Eine fast schon übertrieben „fette“ Produktion – allerdings mit einem Beat, der einem beim Tanzen oftmals zum Stolpern bringen wird. Großer Pop mit Zähneknirschen. Ambivalenz. Bipolarität. Zähneknirschen auch bei „Karneval“, einer Anklage gegen das Finanzsystem im Popsongformat. „Nur der Mond“ ist das wahrscheinlich intensivste Stück des Albums. Beginnend mit einem schwelgenden Rhodes steigert es sich in ein Beziehungsdrama bis zum bitteren Ende. „Du bist nicht allein“ stellt einen fulminanten und auch sarkastischen Schlußpunkt dar. Ein das Album-Konzept auf den Punkt bringendes, anti-karrieristisches Manifest, eine Anti-Überhaupt Tirade, die uns gerade in ihrer Zerworfenheit vereint.

Wegweiser

℗ 2008 PROBLEMBÄR RECORDS [PB01]

Ein Streichquartett und ein Singer/Songwriter? Genau. Der erste offizielle Release des Wiener Indie-Labels Problembär Records ist gleich das Debütalbum einer eher ungewöhnlichen Formation. Angeführt vom eingangs zitierten Singer/Songwriter Hans Wagner (das Trojanische Pferd, KES) präsentieren sich Neuschnee als eine Formation die aus dem Dschungel der austauschbaren Indie-Pop/Rock-Gruppen unserer Tage herausragt, mitunter auch aneckt. Dabei gehen sie keineswegs grundsätzich in Opposition, weil sie sich demonstrativ von Anderen abgrenzen, sondern primär mit sich selbt beschäftigt sind. Die Einflüsse reichen von Radiohead über Nick Drake bis hin zu Franz Schubert; doch am Ende bleiben einfach „unerhört schöne Lieder“. Lieder vom Suchen und Finden und vor allem dem Weg dazwischen. Neuschnee`s „Wegweiser“ ist der Versuch eines zwischen Pop-Schlampe und Klassikliebhaber hin- und hergerissenen jungen Mannes Frieden mit diesen beiden Welten zu schliessen.

Songs from the living room